ERINNERUNG | MEMORY

Auswahl | Ул. Красноармейская, Ст. Петербург в 2006 г
Auswahl | Ул. Красноармейская, Ст. Петербург в 2006 г

Ст Петербург: Метро Удельная - Я выбираю.

 

Wochenende. Auf einem Areal, groß wie ein Fussballfeld, neben Wellblech- und Ekotalhallen, eine Freifläche. Hunderte von Decken, zerschlissen wie der Boden unter ihnen, verblichen ihre Farben, jedoch sehr sorgsam ausgebreitet auf dem staubigen Grund, gesäumt durch Grenzen aus Resten von Gras.

 

Dahinter, darauf niedergelassen, in Gespräche vertieft oder stumm vor sich hin blickend: zumeist Alte, Männer und Frauen - Veteranen der letzten großen Kriege, junge Invaliden - Rückkehrer aus Afghanistan und Tschetschenien, Sammler.

 

Im Angebot: die Sowjetunion - ihre Orden für Heldentaten, daneben Alltagsware, Postkarten, Uniformen, funktionslose Relikte. Langsam schieben sich Suchende voran. Das, was einst unantastbar, gar heilig, wechselt nun, genauso wie Profanes, mit einem unmerklichen "Прощай. - Leb' wohl" von einer Hand in die gegenüberliegende.

 

Was gewählt ist, wird - einmal von der Decke genommen - für Touristen Triumph eines seltsamen Sieges über einstige Furcht, für die anderen Material, an dem sich verblassende Erinnerung bricht. Letztere findet in photographischen Collagen ihre metaphorische Bildform.



Heiko Krause

 

Im Folgenden eine Auswahl der finalen Motive der Serie. Die zwei jeweils aufeinander folgenden Polaroids bilden ein Paar:

 

"Erinnerung"   Kathi Koslowski

 

Heiko Krauses hier gezeigte Fotographien thematisieren die „Erinnerung". Auf seine konzeptionelle Ausgangsfrage, an welchen Objekten sich konkret die Erinnerung bricht, d.h. welchem Material sozusagen die Erinnerung substantiell eingeschrieben ist, antworten seine photographischen Collagen: Es sind mehrfach belichtete, historische Fotos, Screenshots alter Filme, auf die er im Internet, gleichsam auf einem „visuellen Flohmarkt", gestoßen ist, sowie Objekte, die er in St. Petersburg auf einem ganz realen, ärmlichen Flohmarkt erwerben konnte; darunter der Zeichenblock eines zwölfjährigen Jungen von 1940, gefüllt mit bezaubernden Kinderzeichnungen. All dies sind Fundstücke, authentische Relikte einer vergangenen Zeit und zugleich das Material, das Heiko Krause nutzt, um sich der Erinnerungskultur im heutigen Russland anzunähern.

 

Der Künstler fotografiert die Objekte mit einer Polaroid-Kamera ab und hält so einen momenthaften Ausschnitt der Wirklichkeit im Bild fest. Im Medium der Polaroid-Aufnahme konstituiert sich gleichzeitig eine weitere Ebene einer vergänglichen Kultur, die im Verschwinden begriffen ist, wurde doch die Polaroid-Produktion bereits vor einigen Jahren eingestellt. In seinen photographischen Collagen legt Heiko Krause anschließend verschiedene Zeit-, Bewusstseins- und Realitätsebenen übereinander und scheint gleichsam die Ebene der reflektierenden, sich erinnernden Gegenwart mit der der Vergangenheit zu kombinieren. Er arbeitet dabei sehr malerisch. Seine paarweise angeordneten Fotographien stehen in starkem sowohl farblichen als auch kompositorischen Zusammenhang und bilden jeweils ästhetische Einheiten. So wirken sie scheinbar weniger als Fotografien denn als bildliche Collagen von Zeugnissen einer vergangenen Zeit, die den Betrachter zum Nachdenken anregen sollen.

 

Das Thema der Kriege, in Afghanistan, Tschetschenien und anderenorts, spielt eine große Rolle in der Erinnerung und im sozialen Gedächtnis des russischen Volkes. Auf dem Fotopaar, das die Zeichnung eines Hundes - ein Detail aus dem erwähnten Skizzenblock des russischen Jungen - und eine Puppe, die vor einer Kreisform sitzt, zeigt, geht es um eben jenen Inhalt: das Gedenken an die Gefallenen des Krieges, für die in vielen russischen Städten ein Feuer angezündet wird. So bedeutet das russische Wort innerhalb des Kreises auf Deutsch „Feuer" und bezieht sich auf jene Erinnerung. In Verbindung mit der Zeichnung des Kindes treffen sich hier die Antipoden Freud und Leid, die kindlich-melancholische Unschuld und die traurige Konsequenz eines Krieges, von dem man nicht weiß, ob der kleine Junge, der heute 81 Jahre alt wäre, ihn überlebt hat.

 

Heiko Krauses fotografische Erinnerungscollagen zeigen Fundstücke, die als symbolische Relikte in die Vergangenheit verweisen, da sich an ihnen Erinnerung bricht. In ihrer Existenz innerhalb der Gegenwart bezeugen sie jedoch zugleich eine zeitliche und vor allem memorative Kontinuität, die etwas beruhigend Tröstliches zu transportieren vermag.

 

 

Die Präsentation dieses Textes im Zusammenhang dieser Webseite ist Kathi Koslowski  (†) mit wirklicher Dankbarkeit und mit vollem Herzen zugedacht. Auch an Dich wird die Erinnerung nicht schwinden. 

 

 

На выбор: что, как и почему

Культурная афиша

 

В выставочном зале "НоМИ" (Новый мир искусства) - 5 августа откроется вернисаж. Молодые российские и немецкие художники, объединившиеся в арт-группу "Sie - Они", заявят о себе проектом "Я выбираю". Это творческое сообщество родилось два года назад. За это время художники, дизайнеры, графики, живописцы группы уже успели провести две выставки - в небольшом германском городке Грайфсвальд и в петербургском арт-центре "Пушкинская 10".


Сам коллектив менялся от вернисажа к вернисажу, но в "Sie - Они" непременно входят жители Германии и их зарубежные коллеги. У новой экспозиции восемь авторов: четверо из Германии (Хайко Краузе, Ирис Фирцтум, Елена Козлова, Марикен Матшенц) и четверо из Петербурга (Мария Гаркавенко, Екатерина Ежкова, Настя Елисеева, Петр Швецов). Кстати, двое представляют Грайфсвальд: символично, что именно в этот старинный город протянется из России новый газопровод.


"Sie - Они" не боятся задавать себе и другим концептуальные вопросы типа - что, как и почему я выбираю. А искать ответы учатся сами и учат своих зрителей - используя все шансы и избегая крупных потерь.


Илья Нефедов

 

ИЗВЕСТИЯ.RU

10.08.2006